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Veranstaltungsbericht Rund um die Uhr kann nicht der Plan sein – Arbeitszeit, die gut in dein Leben passt

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten – und wie lange? Im Webinar diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft, Gewerkschaft und Politik auf Einladung von MdL Eva Lettenbauer, wie Arbeitszeitmodelle gerechter, gesünder und lebensnäher gestaltet werden können. Klar wurde: Der Wunsch nach mehr Zeit für sich und andere prägt alle Generationen. Doch die aktuelle Arbeitswelt erschwert echte Wahlfreiheit und setzt viele Menschen unter Druck.
Dr. Rüdiger Maas, Generationenforscher und Gründer des Instituts für Generationenforschung, stellte fest: „Rund 50 Prozent der heutigen Berufe wird es in Zukunft so nicht mehr geben. Wir müssen uns von der 40-Stunden-Woche verabschieden.“ Der Anspruch an das eigene Leben habe sich verändert: Alle Generationen – ob jung oder alt – streben heute nach einem besseren Gleichgewicht von Arbeit und Freizeit. Statt Generationenkonflikten brauche es mehr gegenseitiges Verständnis. Maas plädierte für einen grundlegenden Perspektivwechsel: Deutschland verliere an Attraktivität als Arbeitsstandort – es sei höchste Zeit, Arbeit und Leben neu zu denken. Politik müsse dabei stärker auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzen.
Dr. Eike Windscheid-Profeta, an der Hans-Böckler-Stiftung unter anderem zu gesunder Arbeitsgestaltung forscht zeigte anhand aktueller Studien, dass Zeit statt Geld für viele Menschen zunehmend an Bedeutung gewinnt – selbst in Zeiten hoher Inflation. Er warnte vor einem strukturell ungerechten Arbeitszeitmodell, das besonders Frauen benachteilige: Sie leisten im Schnitt wöchentlich 44 Stunden unbezahlte Sorgearbeit – bei 31 Stunden Erwerbsarbeit. „Flexibilisierung darf nicht Fremdbestimmung heißen“, so Windscheid-Profeta. Er warb für neue Vollzeit-Modelle, die auch 30 oder 32 Stunden umfassen können, und für Wahlarbeitszeiten, die Beschäftigten echte Wahlmöglichkeiten bieten – abgesichert durch verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen.
Luise Klemens, Landesbezirksleiterin von ver.di Bayern, machte deutlich, dass die Debatte um kürzere Arbeitszeiten kein Luxusproblem sei, sondern Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung. „Die Frage ist nicht: Wer will weniger arbeiten? Sondern: Wer kann eigentlich noch so weitermachen?“, betonte sie. Viele Beschäftigte arbeiten längst über ihre Grenzen hinaus – nicht selten in unbezahlten Überstunden. Zeitsouveränität sei ohne verlässliche Kinderbetreuung oder gute Pflegeangebote nicht erreichbar. Deshalb forderte Klemens mehr Mitbestimmung über Arbeitszeiten, faire Bedingungen auch im Alter und mehr gesellschaftliche Anerkennung für ehrenamtliches Engagement.
Eva Lettenbauer, MdL und Sprecherin für Arbeit der Grünen im Bayerischen Landtag, unterstrich, dass viele Menschen in Bayern bereits heute am Limit arbeiten – sei es in Kitas, auf Stationen oder im Handwerk. „Einfach nach mehr Arbeit zu rufen, während viele kaum noch durchhalten, ist der falsche Weg“, so Lettenbauer. Sie setzt sich für eine moderne Arbeitszeitpolitik ein, die Selbstbestimmung ermöglicht, Belastungen reduziert und faire Bedingungen schafft. Konkret fordert sie ausreichend Personal für staatliche Kontrollen zur Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes und mehr Mitsprache für Beschäftigte, besonders in Berufen mit hoher Belastung. „Wir brauchen Arbeitszeitmodelle, die zum Leben passen – nicht Menschen, die sich Arbeitsmodellen anpassen müssen“, so Lettenbauer.
Die Abgeordnete plädiert dafür einen grundlegend neuen Blick auf Arbeit und Wohlstand zu werfen: “Wir leben in einer Zeit, in der das Arbeitsvolumen so hoch ist wie nie. Gleichzeitig fordern technologische Umbrüche, ungerechte Verteilung von Geld und Bildung, Kriege, Klimakrise und Personalmangel unsere Gesellschaft heraus. Statt pauschal mehr Arbeit zu fordern, lohnt sich ein differenzierter Blick darauf, wie wir Arbeitszeit in Zukunft gestalten wollen – und müssen. Die Teilzeitquote in Bayern stieg in den letzten Jahren bei Frauen auf 51 % und bei Männern auf 12 % – besonders bei Eltern. Rahmenbedingungen wie attraktive Kinderbetreuung und Pflege bedingen die Arbeitszeit immens. Die Hälfte der in Bayern geleisteten Arbeit ist unbezahlte Arbeit und sollte gesehen und wertgeschätzt werden. Gerade auch im bayerischen Niedriglohnsektor ist es wichtig, sicher zu stellen, dass Arbeitende von ihrer Arbeit leben können.”
Die Impulse der Teilnehmenden aus ihrem Arbeitsalltag, aus Forschung, Gewerkschaft und Wirtschaft nimmt die Abgeordnete mit in ihre parlamentarische Arbeit.