Wirtschaft | Tourismus | Digitales

Altkleider-System in der Krise

12. August 2026

Staatsregierung hat weder Daten noch Lösungen

Die Alttextilbranche steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise*. Seit Ende 2024 führt die Staatsregierung nach eigener Aussage** Gespräche mit der Branche und arbeitet an Lösungsansätzen. Eine aktuelle Anfrage der Landtags-Grünen zeigt jedoch: Konkrete Ergebnisse gibt es bis heute nicht. Noch immer fehlt es der Staatsregierung an grundlegenden Daten zur Krisensituation in der Branche, die angekündigte Kreislaufwirtschaftsstrategie lässt weiter auf sich warten, und kurzfristige Hilfen bleiben aus. 

Aus der Anfrage geht hervor: 

  • Die Staatsregierung erhebt keine Zahlen zum Rückbau von Altkleidercontainern. 
  • Sie hat keine Erkenntnisse zu den Folgen dieses Rückbaus für die Getrenntsammlung. 
  • Sie weiß nicht, wie viele Alttextilien weitergenutzt, recycelt oder verbrannt werden. 
  • Sie verschafft sich keinen Überblick zum Risiko eines Zusammenbruchs der Sammelstrukturen. 
  • Statt konkreter Maßnahmen wurde nun ein neues Projekt (MaKoSaTex) in Auftrag gegeben, das erneut Handlungsempfehlungen erarbeiten soll. 

In der Antwort auf die aktuelle Anfrage erkennt die Staatsregierung selbst an, dass eine Übergangslösung bis zum Wirksamwerden der EPR*** nötig sei. Eine solche Übergangslösung bietet die Staatsregierung jedoch nicht an. Hinsichtlich der Kosten von Fehlwürfen (fälschlicherweise in Altkleidercontainern entsorgter Müll) empfiehlt sie einzig mehr Öffentlichkeitsarbeit. Auf die Frage hin, wie gemeinnützige und gewerbliche Sammelstrukturen kurzfristig entlastet werden können, nimmt sie allein die Kommunen in finanzielle Verantwortung. Dabei verweist die Staatsregierung jedoch selbst auf die schwierige Finanzlage in den Kommunen. 

Anstelle konkreter Entlastungen gibt die Staatsregierung nach eigenen Angaben nun ein neues Projekt namens “MaKoSaTex” in Auftrag, das erneut Handlungsempfehlungen erarbeiten soll. 

Zitate Barbara Fuchs, Sprecherin für Wirtschaft:

„Das System der Alttextilsammlung droht zusammenzubrechen. Die Staatsregierung weiß, dass die Branche unter enormem Druck steht. Trotzdem hat sie weder einen Überblick über die Lage noch konkrete Lösungen. Auf fast alle zentralen Fragen antwortet sie mit ‘keine Daten‘ und ‘keine Erkenntnisse‘. Gleichzeitig schiebt sie die Verantwortung den Kommunen zu, die finanziell ohnehin mit dem Rücken zur Wand stehen.“ 

„Einerseits spricht die Staatsregierung seit 2024 mit der Branche über Lösungen. Andererseits kann sie nicht erklären, wie diese Lösungen aussehen. Stattdessen kündigt sie jetzt eine Studie an, die erst einmal Handlungsempfehlungen erarbeiten soll. Das wirkt, als würde man immer wieder von vorne anfangen. Dabei braucht es jetzt schnelle, praktische Hilfe, um das System der Altkleidersammlung zu erhalten.” 

„Gemeinnützige und gewerbliche Sammelstrukturen kämpfen ums wirtschaftliche Überleben. Auf den Kosten für Fehlwürfe bleiben sie sitzen. Anstatt konkrete Entlastungen anzubieten, verweist die Staatsregierung auf die Kommunen und empfiehlt mehr Öffentlichkeitsarbeit. So werden sich die Probleme nicht lösen lassen.“ 

 

 

 

Hinweis: Warum Altkleidersammlung wichtig ist: 

Indem gebrauchte Textilien gesammelt und wiederverwendet bzw. recycelt werden, können Rohstoffe geschont und Müllberge verringert werden. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz. Bei der Weiterverwertung werden wesentlicher weniger Ressourcen (Energie, Wasser, Chemikalien) verbraucht als in der Herstellung. Textilien, die nicht mehr anderweitig verwendbar sind, werden durch Verbrennung zur Energiegewinnung genutzt. In Deutschland liegt die Erfassungsquote von Alttextilien bereits bei rund 64 %, und rund 90 % der erfassten Textilien werden wiederverwendet oder recycelt (Quelle: Bundesumweltministerium). 

 

Hintergründe: 

Seit 1. Januar 2025 gilt in Deutschland die Getrenntsammelpflicht für Alttextilien. Sie basiert auf der EU-Abfallrahmenrichtlinie und dem Kreislaufwirtschaftsgesetzt (KrWG). Ihr Ziel ist es, dass ausgediente Kleidung möglichst wiederverwendet oder recycelt wird, anstatt im Restmüll zu landen. Privatpersonen und gewerbliche Abfallerzeuger sind damit verpflichtet, ihre Alttextilien getrennt vom Restabfall zu entsorgen. 

Verantwortlich für die Erfüllung der Sammelpflicht sind die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger (Landkreise und kreisfreie Städte). Sie lassen diese Aufgabe aber in der Regel durch gemeinnützige oder gewerbliche Sammler wahrnehmen. 

*Die Alttextilbranche befindet sich in einer akuten wirtschaftlichen Krise, die mehrere Ursachen hat:   

  • Der Anteil günstiger, kurzlebiger Kleidung ("Fast Fashion") ist stark gestiegen.  
  • Die Qualität der gesammelten Kleidung nimmt ab, sodass deutlich weniger Textilien als Second-Hand-Ware weiterverkauft, werden können.  
  • Gleichzeitig steigen die Kosten für Sortierung, Transport und Entsorgung.  
  • Hinzu kommen Fehlwürfe, also Restmüll oder andere Abfälle in den Containern. 
  • Internationale Absatzmärkte für gebrauchte Kleidung haben sich verschlechtert. 

Gemeinnützige und gewerbliche Sammlerinnen und Sammler geraten dadurch wirtschaftlich zunehmend unter Druck, an vielen Orten werden Container abgebaut.  

**Nach eigenen Angaben (siehe diese frühere Anfrage der Landtags-Grünen) befindet sich die Staatsregierung seit Ende 2024 in Gesprächen zur Krise der Alttextilbranche. 

Bereits vor einem Jahr hatte die Staatsregierung auf eine weitere Anfrage der Landtags-Grünen hin erklärt, Alttextilien seien ein zentrales Handlungsfeld der Bayerischen Kreislaufwirtschaftsstrategie. Es seien schon Dialoge mit mehr als 100 Vertreterinnen und Vertretern aus der Branche geführt worden, in denen Lösungsansätze erarbeitet worden seien. Jedoch wurden diese Lösungsansätze bis heute nicht veröffentlicht. Auch die für Anfang 2026 angekündigte Bayerische Kreislaufwirtschaftsstrategie (BayKWS) liegt weiterhin nicht vor. 

***Die EU hat die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung (EPR: extended producer responsibility) beschlossen. Ziel ist, dass Textilhersteller die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling mitfinanzieren. Deutschland muss die Vorgaben bis Juni 2027 in nationales Recht umsetzen. Bis dahin könnten allerdings bestehende Sammelstrukturen zusammengebrochen sein. 


Weitere Grüne Initiativen: