Atomenergie

Atomkraftwerk Gundremmingen 2018

Eine tickende Zeitbombe mit halber Sprengkraft

Zum Jahresende 2017 wird in Gundremmingen der Block B endgültig stillgelegt. Der Block C, von gleicher Bauart und genauso alt, darf nach einer Entscheidung der schwarz-gelben Regierung aus dem Jahr 2011 noch weitere vier Jahre laufen. Diese Entscheidung ist sicherheitstechnisch nicht begründbar und nachvollziehbar, sondern entspringt nur der seltsamen Logik der damaligen Regierungskoalition.
„Wir sind froh, dass in Gundremmingen mit dem Reaktor B zum Jahreswechsel wenigstens ein Block stillgelegt wird. Trotzdem bleibt dieses Atomkraftwerk wegen der vielen technischen Mängel eine tickende Zeitbombe, jetzt eben nur noch mit halber Sprengkraft“, kommentiert der energiepolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Martin Stümpfig die Abschaltung von Block B.
Der Block C in Gundremmingen ist damit der letzte Siedewasserreaktor in Deutschland, der noch eine Betriebsgenehmigung hat. Alle anderen neun Siedewasserreaktoren sind schon seit Jahren und Jahrzehnten stillgelegt. Siedewasserreaktoren sind Reaktortypen mit stark abgespeckter Sicherheit. Das war einer der Gründe, warum sich diese Technologie nicht durchgesetzt hat und seit über 32 Jahren in Europa kein Siedewasserreaktor mehr ans Netz gegangen ist.
Martin Stümpfig: „Gundremmingen hat eine ganze Reihe von technischen Mängeln, allen voran das Nachkühlsystem, dass nicht ordentlich ausgelegt ist. Aber auch im alltäglichen Betrieb steigern sich die Fehler: Computerviren im Reaktor, abstürzende oder gar ungeeignete Brennelemente, Bedienungsfehler bei der Revision. – Es wäre besser wäre wenn auch Block C schon jetzt abgeschaltet würde. “
Das AKW in Gundremmingen leidet mit seinen 33 Jahren längst an Altersschwäche. Das letzte Jahr (2016) war das schlechteste Betriebsjahr seit (mindestens) 2000. Die Stromproduktion erreichte einen Tiefststand und die Arbeitsausnutzung lag gerade mal knapp über 80 %. Nach dem bisherigen Verlauf, fällt die Bilanz in diesem Jahr kaum besser aus.


Gundremmingen: ein turbulentes 2017

Doch Gundremmingen hat nicht nur bei der Stromproduktion Probleme, die Reaktoren sind 2017 gleich mehrfach in den Schlagzeilen aufgetaucht:

Im März wurde ein Gutachten von Prof. Dr. Manfred Mertins über „Defizite und Regelwerksabweichungen“ beim Atomkraftwerk Gundremmingen veröffentlicht. Kernpunkt seines Gutachtens war das Not- und Nachkühlsystem des Atomkraftwerks, das nicht ausreichend gegen Erdbeben und andere Erschütterungen ausgelegt ist und darum nicht den Anforderungen des Regelwerks der deutschen Kerntechnik entspricht. Prof. Mertins wies dabei nach, dass auch das nachträglich eingebaute „ZUNA“-System nicht geeignet ist, um den konstruktionsbedingten Mangel zu beseitigen.

Gutachten zum Download

Ebenfalls im März fand der Erörterungstermin im atomrechtlichen Verfahren zum Abriss von Block B statt. Kritisiert wurde vor allem, dass in Gundremmingen offensichtlich geplant ist, mit dem Abbau von Anlagenteilen bereits zu beginnen, wenn noch Brennelemente im Abklingbecken sind. Das erhöht das Risiko für die beteiligten Arbeiter, aber natürlich auch für die Umgebung. Bei dem zweitägigen Termin stand auch das juristische Vorgehen in der Kritik: RWE hat nämlich keinen Stilllegungsantrag gestellt, wie es im Atomrecht üblich ist, sondern nur einen Antrag auf Abbau von Anlagenteilen. Eine raffinierte juristische Konstruktion, die bisher einmalig in Deutschland ist.

Im Mai schreckten uns Meldungen des AKW-Betreiber im Internet auf, die auf mehrfache Überschreitungen der erlaubten Leistung des Atomkraftwerks hinwiesen. Gott sei Dank bestätigte sich diese Befürchtung vorläufig nicht. Das Atomkraftwerk behauptete, über Jahre hinweg falsche Zahlen veröffentlicht zu haben ohne es selbst gemerkt zu haben. Da sich auch das Umweltministerium mit dieser Erklärung zufrieden gab, blieb es zunächst bei der Darstellung der AKW-Betreiber. Für uns bleibt es erstaunlich, dass ein Atomkraftwerksbetreiber offensichtlich über Jahre nicht fähig ist, die richtigen Zahlen zu seiner Stromproduktion zu veröffentlichen.

Im Juni hatte Gundremmingen ganz andere Gegner: Die Sonne drängte das AKW kräftig aus dem Markt. An 15 Tagen musste das AKW seine Leistung drosseln, weil Bayerns PV-Anlagen soviel Strom produzierten, dass für Gundremmingens Atomstrom nicht mehr genug Platz im Netz war.

Stromproduktion in Deutschland

Im August plagten dann wieder technische Probleme das Atomkraftwerk: Das Ende der Revision musste zweimal verschoben werden. Über die genauen Gründe dafür, gaben die Betreiber nichts bekannt.
Im Oktober erfuhren wir, dass im Block B wieder einmal eine Kühlmittelumwälzpumpe defekt ist. Das AKW weigerte sich aber diese Pumpe zu reparieren, bzw. zu ersetzen. Warum nicht mit reduzierter Sicherheit weiter Strom produzieren? Ist ja nur ein Atomkraftwerk.
Ebenfalls im Oktober wurde im Landtag eine Petition von über 12000 Bürgerinnen und Bürger behandelt, die unter dem Motto „Wer B sagt muss auch C sagen“ eine Stilllegung beider Gundremminger Reaktoren zum Ende des Jahres 2017 forderten. Dabei kamen noch einmal alle technischen Probleme der letzten Zeit auf den Tisch: das nicht erschütterungssichere Notkühlsystem, Computerviren, die sich über sieben Jahre im Reaktor eingenistet haben, ohne entdeckt zu werden, Brennelemente, die im Reaktorbecken abgestürzt sind, Ventile die irrtümlich bedient wurden und zu einer Schnellabschaltung führten. All diese Mängel wurden auch im Landtag vom zuständigen Referatsleiter des Umweltministeriums klein geredet und die Petition wurde von der CSU-Mehrheit abgeschmettert.
Dank der Recherche eines Schweizer Fernsehsenders wurde im November bekannt, dass in Gundremmingen Brennelemente im Einsatz sind, die nicht den vorgeschriebenen Spezifikationen entsprechen. Die Hüllrohre dieser Brennelemente haben bei der Fertigung nicht die nötigen Qualitätsanforderungen erfüllt und sollten eigentlich auf dem Schrott landen. Sind aber dann trotzdem mit Kernbrennstoff befüllt und eingesetzt worden. In der Schweiz führte dies dazu, dass die Brennelemente sofort nach dem Bekanntwerden aus dem Reaktor entfernt wurden und die Kraftwerksrevision gleich um mehrere Wochen verlängert werden musste. Gundremmingen-Betreiber RWE in tiefer Übereinstimmung mit dem Bayerischen Umweltministerium sieht das natürlich vollkommen anders. Der Reaktor darf weiter betrieben werden, mit nicht geeigneten Brennelementen!

Im Dezember reichte Greenpeace eine Klage beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof auf Entzug der Betriebsgenehmigung ein. Nachdem das Bayerische Umweltministerium nicht gewillt ist, aus den vorliegenden Fakten die Konsequenzen zu ziehen, versucht Greenpeace nun auf juristischem Wege zu erreichen, dass das Risiko des Gundremminger Siedewasserreaktors endlich beseitigt wird.