Die Grünen im Bayerischen Landtag luden zum vierten Fachgespräch der Reihe „Einfach mittendrin - die Rechte behinderter Menschen stärken“ ein.
Die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen vollzieht einen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik. Behinderte werden nicht länger als 'Fürsorgeobjekte' betrachtet, sondern als selbstbestimmte Menschen. Die UN-Konvention fordert insbesondere die Möglichkeit gleichberechtigt und uneingeschränkt an der Gesellschaft teilzunehmen. Dafür müssen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Miteinanders, der Mobilität und der Kommunikation barrierefreie Zugänge für Menschen mit Behinderungen geschaffen werden. Für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben brauchen Menschen mit Behinderungen zudem häufig spezielle Dienstleistungen und Assistenzhilfen bei alltäglichen Verrichtungen wie der Körperpflege oder der Ausübung des Berufs.
Laut Artikel 19 der UN-Konvention soll jeder behinderte Mensch selbst darüber entscheiden können, mit wem, wo und wie er leben möchte. Kein Mensch mit einer Behinderung darf dazu gezwungen werden, in besonderen Wohnformen oder Heimen zu leben. Um eine reale Wahlfreiheit zu ermöglichen, bedarf es ausreichender alternativer Angebote, wie (betreute) Wohngemeinschaften und Wohnungen für individuelles und partnerschaftliches Wohnen. Voraussetzung ist die grundsätzlich barrierefreie Ausstattung aller Wohnungen. Auch die Instrumente des persönlichen Budgets und der persönlichen Assistenz sind unverzichtbar für ein selbstbestimmtes, gleichwertiges und gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft.
Das Selbstbestimmungsrecht behinderter Menschen ist also eine enorme Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Um eine lebenslange Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu vermeiden, brauchen wir ein eigenständiges Teilhabeleistungsgesetz, welches die Leistungen für persönliche Assistenz vom System der Sozialhilfe abkoppelt.
Über diese Themen haben Renate Ackermann, sozialpolitische Sprecherin, das interessierte Publikum und die Referenten Ute Strittmatter, Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderung in Bayern, Dr. Jürgen Auer, Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung in Bayern und Dinah Radke, Leitung der Beratungsstelle im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Erlangen, diskutiert.
Die Referenten:
Herr Dr. Jürgen Auer:
Diplom Volkswirt. Promotion zum Thema Berufliche Rehabilitation geistig behinderter Menschen in Großbritannien und Deutschland. Seit 2001 Geschäftsführer des Landesverbandes der Lebenshilfe in Bayern. Die Lebenshilfe ist die größte Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Bayern.
Frau Ute Strittmatter:
Ute Strittmatter ist von Geburt an behindert. Durch eine spinale Muskelatrophie ist Sie auf den Rollstuhl angewiesen. Diplom-Sozialpädagogin: Abschluß an der Fachhochschule München. Magister in Pädagogik, Politik und Psychologie an der LMU München. Ehrenamtliche Mitarbeit beim Notruf für Suchtgefährdete und bei der Bewährungshilfe in München. Befristete Beschäftigung bei der Vereinigung Integrationsförderung München VIF in den Jahren 1995/1996. Seit 2000 Leiterin der Netzwerkfrauen Bayern, ein offenes Netzwerk behinderter Frauen und Mädchen in Bayern. Aufgrund ihrer Behinderung ist sie selbst auf persönliche Assistenz im Alltag und im Beruf angewiesen.
Frau Dinah Christine Radtke:
Frau Radtke ist von Geburt an behindert. Durch eine spinale Muskelatrophie ist Sie auf den Rollstuhl angewiesen. Von 1978 bis 1990 freiberufliche Tätigkeit als Übersetzerin. 1988 Mitbegründerin des Zentrums für ein selbstbestimmtes Leben ZSL e.V. in Erlangen. Anstellung als Peer Counselorin. Seit 1997 Leiterin der Beratungsstelle des ZSL.
Mitbegründerin der Dachorganisation der Zentren 'Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben ISL e.V.' Von 2004 bis 2007 stellvertretende Vorsitzende von Disabled People International. 2005/2006 Teilnahme an den Ad-Hoc-Komitees zur Erarbeitung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in New York.
