ReferentInnen:
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Prof. Dr. Hans-Bernd Brosius, Leiter des Lehrstuhls für empirische Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München |
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Markus Glaser, Geschäftsführer der Hallo Welt! - Medienwerkstatt GmbH |
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Sophie Scholz, Initiatorin der "Socialbar", Vertreterin von "fairdo" und Mitarbeiterin bei "Zebralog" |
| Moderation: Ulrike Gote, MdL, medienpolitische Sprecherin |
Die zweite Veranstaltung der grünen Gesprächsreihe zur Medienpolitik beschäftigte sich mit Sozialen Netzwerken im Internet. Dabei ging es nicht nur um die bekannten Größen wie Facebook, StudiVZ etc., sondern auch um soziale Netzwerke, die im non-profit-Bereich genutzt werden, wie greenaction, betterplace und viele andere.
Drei ReferentInnen folgten der Einladung der medienpolitischen Sprecherin Ulrike Gote, um über verschiedene Facetten dieses Themas zu referieren und anschließend mit einem interessierten und fachkundigen Publikum darüber zu diskutieren. Prof. Dr. Hans-Bernd Brosius erläuterte, wer diese Netzwerke wie Facebook, StudiVZ etc. nutzt, wie sie genutzt werden und wie intensiv sie genutzt werden. Markus Glaser sprach über den Umgang mit fremden Privatsphären im Netz und schilderte die Risiken, die Kontrolle über persönliche Daten durch die Datensammelwut sozialer Netzwerke zu verlieren. Und Sophie Scholz, eine der Initiatorinnen der „Socialbar“, sprach über die Möglichkeiten, Notwendigkeit und Schwierigkeiten für Non-Profit-Organisationen diese Sozialen Netzwerke für ihre Arbeit zu nutzen.
Mediennutzung unter dem Einfluss von Web 2.0
Prof. Dr. Hans-Bernd Brosius vom Institut für Kommunikationswissenschaft & Medienforschung erläutert wie sich die Mediennutzung der jungen Generation unter dem Einfluss von Web 2.0 verändert. Derzeit leben in unserer Gesellschaft drei Generationen von MediennutzerInnen. Zum einen die ältere Generation, die mit den Printmedien aufgewachsen ist, zum anderen die mittlere Generation, die als Fernsehgeneration bezeichnet werden kann und zuletzt die jüngere Generation, die von Beginn ihrer Mediennutzung an gelernt hat, mit Online-Medien umzugehen.
Prof. Brosius ordnet sich selbst der Grenzlinie zwischen Print- und Fernsehgeneration zu. Er nutzt zwar auch Facebook, aber auf eine vollkommen andere Weise als die Online-Generation und fühlt sich von Facebook auch auf eine andere Art angesprochen. Die heute 14- bis 19-jährigen gehören dagegen einer ganz anderen Mediengeneration an.
Häufig wird vom Internet als additiver Ergänzung zu Print und Audio- bzw. Video-Medien gesprochen. Dies ist laut Prof. Brosius so nicht richtig, denn das Internet ist ein Hybridmedium. Es ist ein Medium, besser eine Fülle von Online-Medien, die im Spannungsfeld zwischen Massenmedien und Individualmedien angesiedelt sind. Auch die klassischen Medienangebote liegen heute in einer nicht gekannten Vielfalt vor, da die technischen Verbreitungsmöglichkeiten sich durch die Digitalisierung der Übertragungswege vervielfacht haben (Satellitenfernsehen, DAB,DVB-T, DVB-H, Digitales Kabel, IP-TV über Telefon, Triple-Play, etc.). Es kommt dadurch auch bei den klassischen Medien zu einer starken Spezialisierung, bspw. gibt es heute Angebote wie einen Anglerkanal.
Wenn man sich die Medien vergangener Jahre, wie z.B. den Spiegel von 1960 ansieht, wird einem bewusst, dass dies heute niemand mehr lesen würde. Anhand einer Ausgabe des Focus von 1993 sieht man, dass die Entwicklung hin zu einer kleinteiligeren Darstellung mit mehr Bildern ging. Die Webseite von RTL ist noch kleinteiliger und noch unübersichtlicher. RTL ist dabei keine Ausnahme, erläutert Prof. Brosius, es tauchen immer mehr Informationsseiten auf, die so kleinteilig sind, dass sie auf den ersten Blick vollkommen unübersichtlich erscheinen.
Auch im Fernsehen hat sich viel verändert. Heute ist es kaum vorstellbar, dass 1988 noch nicht rund um die Uhr gesendet wurde, sondern es noch Sendepausen gab. 1990, d.h. 15 Jahr später gibt es diese Pausen nicht mehr. Es hat zudem eine Zersplitterung des Programms in immer kürzere Fernsehteile stattgefunden und kaum noch Zuschauer sehen sich ein Programm komplett an.
Heute, im Web 2.0., ist die Mediennutzung vollkommen verändert. Nun erstellen, bearbeiten, kommentieren und verteilen die NutzerInnen Inhalte und treten auch miteinander in Interaktion. Die traditionelle Rollenzuschreibung – Kommunikator und Rezipient – ist damit nicht mehr brauchbar. Werbetreibende haben es heute mit NutzerInnen zu tun, die freiwillig seitenweise Informationen über sich preisgeben. Das führt dazu, dass auch die Werbung individualisiert wird und Prof. Brosius, 52 Jahre, eine andere Werbung bekommt als Jugendliche.
Prof. Brosius führt aus, dass die Mediennutzung immer weiter zunimmt, inzwischen beträgt sie fast zehn Stunden pro Tag. Den Hauptteil machen immer noch Radio und Fernsehen aus. Doch Untersuchungen der Mediennutzung der 14- bis 19-jährigen zeigen, dass deren Gesamtbudget hauptsächlich im Bereich der Computernutzung ansteigt. Die Nutzung der klassischen Medien geht deutlich zurück, die Nutzung des Internets steigt deutlich an. Die 14- bis 19-jährigen nutzen hauptsächlich Online-Communities, Instant Messaging, Chats und sehen sich Videos (YouTube) im Internet an. Die 60-jährigen haben dagegen ein ganz anderes Muster der Internetnutzung, sie nutzen die bei den Jungen beliebten Angebote kaum.
Zudem werden die sozialen Netzwerke gerade von Jugendlichen extrem intensiv genutzt, was die vom IVW erhobenen Zahlen der NutzerInnen verglichen mit der relativ kleinen NutzerInnengruppe verdeutlichen. Nach diesen Erhebungen sind die klassischen Provider wie T-Online bei den Zugriffszahlen ganz vorne, doch dann folgen bereits soziale Netzwerke wie StudiVZ etc.. Facebook ist bei dieser Auflistung noch gar nicht dabei, da Facebook sich vom IVW nicht listen lässt. Ansonsten wäre das Netzwerk noch vor T-Online. 2009 nutzten 69 Prozent der 14- bis 19-jährigen private Netzwerke mindestens einmal pro Woche und dabei wurden nur NutzerInnen berücksichtig, die auch eine eigenes Profil hatten.
Befragungen zur Veränderung des Freizeitverhaltens seit der Nutzung des Internets ergaben, dass die klassischen Medienaktivitäten unter der Internetnutzung leiden, da viele durch Internetangebote ersetzt werden können – z.B. spielen im Internet. Die Zeit, die mit FreundInnen verbracht wird oder in der Sport getrieben wird, ist dagegen laut Prof. Brosius nicht weniger geworden. Allerdings wurde bei der Befragung nicht unterschieden, ob die Zeit mit den FreundInnen virtuell oder in der Realität verbracht wurde. Aufgrund dieser Ergebnisse kommt Prof. Brosius zu dem Ergebnis, dass diese Jugendlichen keine Nerds sind, die nur vor ihren Computern hängen.
Es lassen sich drei Beweggründe unterscheiden, aus welchen heraus die NutzerInnen sich in den sozialen Netzwerken engagieren. Zum einen geht es ihnen um die Kontaktpflege zum anderen wollen sie ein Teil der kollektiven Intelligenz sein und viele streben auch nach Öffentlichkeit. Sie suchen die Öffentlichkeit so wie früher die Leute beim Radio angerufen haben.
Hinsichtlich der verschiedenen Arten der sozialen Netzwerke lassen sich drei Typen unterscheiden:
- Primär-Communities: Online- und Offline-Community gleichen sich fast eins zu eins (z.B. Schülercommunities)
- Sekundär-Communities: weniger Überlappungen zwischen dem realen Freundeskreis und dem Freundeskreis online
- Tertiär-Communities: dicht gestricktes Netzwerk, doch die Informationen verbreiten sich dort nicht so schnell wie in einer Primär-Community, dafür werden sie jedoch auch ins Ausland weiterverbreitet (z.B. XING)
Umfragen zufolge treffen die NutzerInnen ihre FreundInnen aus der Realität fast alle in den sozialen Netzwerken wieder. Die wenigsten haben Fake-Profile. Die Communities und andere Web 2.0-Angebote liefern homogene Zielgruppen mit geringem Streuverlust. Die NutzerInnen werden sehr plastisch und weitreichend kartographiert und es kann von einer hohen Datenqualität ausgegangen werden, da die NutzerInnen die Informationen über sich freiwillig preisgeben.
Für institutionelle Akteure bedeutet dies nach Meinung Prof. Brosius, dass bspw. bei Facebook alle Personengruppen herausgefiltert werden können, egal wie spezifisch ihre jeweiligen Interessen sind. Werbung wird dort daher gezielt verbreitet. Dies gilt inzwischen auch für YouTube. Die Communities liefern derzeit ein ideales Werbeumfeld, daher versuchen auch alle klassischen Medienverlage wie Holzbrinck, Pro7/Sat1 etc. in diesem Bereich durch eigene Angebote Fuß zu fassen. Doch die Sensibilität der NutzerInnen ist hoch und die Communities werden hauptsächlich von den NutzerInnen gesteuert.
Daher werden nach Ansicht von Prof. Brosius nur diejenigen in diesem Bereich erfolgreich sein, welche die Sicht der NutzerInnen einnehmen und sich auf die Gegebenheiten einlassen. Diejenigen, die die neuen Möglichkeiten als einen weiteren Abspielkanal nutzen, finden keine Beachtung. So hat das ZDF nur mit seinen Nachrichten Erfolg, BMW schafft es dagegen sogar, dass eigene Spots auf YouTube hohe Klickzahlen erreichen.
Gefahren der sozialen Netzwerke im Internet
Markus Glaser ist Geschäftsführer der Hallo Welt! - Medienwerkstatt GmbH. Glaser findet die neuen Anwendungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, gut und nutzt diese auch selbst, doch sieht er auch die Gefahren, die mit dieser Technik verbunden sind. In seiner Dissertation geht es um die Privatsphäre im Netz und um personenbezogene Daten im Internet. Er verdeutlicht in seinem Vortrag anhand von vier Fallbeispielen wie durch vermeintliche Kleinigkeiten, die oft nicht einmal selbst gesteuert werden können, Daten in die Hände Unbefugter geraten können.
1. Beispiel: Facebook kennt Deine Freunde
Bei einer Anmeldung bei Facebook wird man aufgefordert, Email-Adresse, Geburtsdatums und echten Namen anzugeben. Nach der Anmeldung schlägt Facebook Personen vor, mit denen man befreundet sein könnte. Im Fall von Glaser war die Quote derer, mit denen er tatsächlich befreundet ist, sehr hoch. Er fragte sich, wie das denn gehe, da er selbst bei der Anmeldung Facebook nicht erlaubt habe, seinen Email-Account zu durchsuchen und damit zu überprüfen, ob diese Personen bereits einen Facebook-Account besitzen.
Doch die Personen, die ihm als Freunde vorgeschlagen wurden, hatten diese Möglichkeit anscheinend genutzt. So war Facebook seine Email-Adresse und sein soziales Netzwerk in der Realität aufgrund der früheren Abgleiche bereits bekannt, bevor Glaser selbst sich bei Facebook eintrug. Er hatte zwar auf seine Daten aufgepasst, doch hat es ihm aufgrund des Verhaltens der anderen, die einen Teil seiner Daten zwangsläufig kennen, nicht geholfen. So geht es vielen, die sich der Nutzung dieser Tools bisher verweigert haben - soziale Netzwerke wie Facebook wissen trotzdem schon sehr viel über ihre Beziehungsnetzwerke.
2. Beispiel: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte?
In sozialen Netzwerken gibt es die Möglichkeit, Fotos hochzuladen. Dabei können auch die Namen der Personen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, hinterlegt werden. Dadurch ist es möglich, die Bilder auch über die Namenssuche zu finden. So finden Personen (ChefInnen, Familienangehörige etc.) Fotos im Netz, die nie für sie bestimmt waren. Situationen auf Bildern können zudem vollkommen falsch interpretiert werden, wenn der Kontext den BetrachterInnen unbekannt ist. Die Abgebildeten sehen sich dadurch womöglich Missverständnissen ausgesetzt, die aufzuklären nicht immer leicht sein dürfte. Früher war für die Hinterlegung der Namen der abgebildeten Personen bspw. bei StudiVZ nicht einmal deren Zustimmung notwendig, inzwischen wurde zumindest dies geändert.
3. Beispiel: Alle wissen alles
Über soziale Netzwerke ist es möglich, Informationen sehr schnell weiterzuverbreiten. Dies kann von Vorteil aber auch von Nachteil für die einzelnen sein. Denn sehr häufig tritt das Problem auf, dass Personen Informationen verbreiten, die nicht für diesen großen Kreis gedacht waren oder die man gerne selbst später verkündet hätte.
4. Beispiel: Anonymität im Internet?
Aufgrund der vielfältigen Informationen, die über die meisten Menschen inzwischen im Internet gespeichert sind, ist es erschreckend leicht geworden, selbst Personen ausfindig zu machen, die ein Pseudonym nutzen. Insbesondere wenn dieses Pseudonym von einer Person häufiger verwendet wird, kann über Suchmaschinenergebnisse bereits ein gutes Profil erstellt werden. Die Beiträge, die unter dem Pseudonym verfasst werden, geben oft recht genauen Aufschluss über Hobbys, Krankheiten, Ausbildung und möglichen Beruf der Person. Hat man einmal diese Informationen ist es meist nicht weiter schwer auch den Namen herauszufinden. Glaser verdeutlichte dies sehr eindrücklich anhand eines konkreten Beispiels.
Allein diese vier Beispiele reichen aus, um zu zeigen, dass es nicht ausreicht, selbst sorgsam mit seinen Daten umzugehen. Es ist genauso notwendig, dass FreundInnen und z.B. auch Menschen, die einen zufällig fotografieren, auf ihre Daten aufpassen, sonst kommen auch die eigenen Daten über diese Personen ungewollt ins Netz. Doch auf die Sorgfalt anderer kann man selbst wiederum kaum Einfluss nehmen. Und obwohl es den Menschen inzwischen bewusst ist, dass Daten, die einmal im Netz landen, allgemein zugänglich sind und nicht mehr wirklich gelöscht werden können, hat sich bisher trotzdem das Verhalten der NutzerInnen nicht geändert.
Das Gedächtnis des Netzes wird jedoch sicherlich von vielen noch unterschätzt, gerade auch von jüngeren NutzerInnen. Technisch wird dieses Problem nicht zu lösen sein, sondern es gilt nun einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, wie mit persönlichen Daten im Internet umzugehen ist. Dieses Thema lässt sich auch nicht nur aus rechtlicher Sicht beurteilen, sondern es muss auch überlegt werden, welche Art des Umgangs mit diesen Daten ethisch vertretbar ist.
Chancen der sozialen Netzwerke im Internet
Die neuen Vernetzungsmöglichkeiten im Internet eröffnen ungeahnte Chancen die Demokratie weiterzuentwickeln. Diese Chancen und Entwicklungen stellt Sophie Scholz, Initiatorin der „Socialbar“, Vertreterin von „fairdo“ und Mitarbeiterin bei „Zebralog“, in ihrem Vortrag dar. Ihr geht es nicht darum, das Internet zu glorifizieren oder zu verdammen, sie möchte diese neuen Möglichkeiten einfach sinnvoll nutzen. Scholz beobachtet einen kulturellen Wandel, der dazu führt, dass inzwischen weit mehr verschiedene „Szenen“ aktiv sind als dies früher der Fall war. Zudem ändern die Menschen ihre Kommunikation. Der Wandel ist nicht aufhaltbar.
Dies zwingt die alten Akteure - die NGOs, die seit vielen Jahren im zivilgesellschaftlichen Bereich tätig sind - sich dieser Entwicklung anzupassen, um weiter existieren zu können. Im Web 2.0 finden sich nun die unterschiedlichsten Plattformen, die verschiedene Möglichkeiten bieten, sich zu engagieren. Die Revolution stellen in diesem Bereich laut Scholz jedoch nicht die neuen Tools, die neuen technischen Möglichkeiten, sich zu beteiligen, dar, sondern das veränderte Verhalten der Menschen. Diese Menschen wollen sich kurzfristig und ungebunden engagieren aber trotzdem Teil einer Weltverbesserungsbewegung sein. Dafür investieren sie auch Geld und Zeit.
Diese Personen, sind diejenigen, die früher „mal“ bei einer Demo mitgemacht haben, um sich so für ein Thema einzusetzen. Inzwischen existiert bereits eine große Auswahl dieser Vernetzungsplattformen, die sich schon gegenseitig das Wasser abgraben. Man findet teilweise lange bestehende Organisationen, die sich jetzt auch im Netz engagieren aber auch ganz neue Plattformen. Jede dieser Organisationen will derzeit ihr eigenes Portal aufbauen, doch das wird nach Ansicht von Scholz so nicht funktionieren. Denn die Plattformen im Netz müssen auch von den NutzerInnen angenommen werden - sie müssen lebendig werden.
Viele der Organisationen verwenden auch eine veraltete Technik, doch müssen sie sich dringend etwas anderes, innovatives einfallen lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Scholz stellt einige dieser Plattformen vor, auf welchen sich derzeit viele Menschen engagieren. Hier kann unterschieden werden, zwischen Angeboten, die sich an Menschen richten, die sich aktiv für ein ganz bestimmtes Anliegen einsetzen wollen und andere Portale, die um Online-Spenden werben.
Beispiele sind zum einen Wikiwoods, ein Netzwerk, welches das Pflanzen von Bäumen fördert oder Repairberlin, Trainbirds, hier werden z.B. Wohnzimmer in der S-Bahn eingerichtet und Parkingday, wo Parkplätze „gemütlich“ gestaltet und umgenutzt werden. Zum anderen gibt es die Spenden-Portale wie bspw. Betterplace, wo in wenigen Tagen 500.000 Euro für Haiti gesammelt wurden.
Allen diesen Organisationen ist gemeinsam, dass es sich um lockere Zusammenschlüsse im Internet handelt, keine Vereine, die durch ihre Vernetzung im Web 2.0 mit einem geringen Einsatz von Ressourcen viel erreichen können. Scholz sieht es für die Zukunft als sehr wichtig an, dass die Internetplattformen sich gegenüber ihren Unterstützern öffnen und neue Berufsgruppen einbinden. Denn nur so können sie eine größere Strahlkraft erreichen. Die Wirkung der neuen Möglichkeiten wird beschränkt bleiben, solange es einem Hürdenlauf gleichkommt, wenn man sich selbst auf den Seiten einbringen will. Ziel muss es laut Scholz sein, die Potentiale der Zivilgesellschaft auszuschöpfen und dafür die technischen Möglichkeiten sinnvoll einzusetzen, um einem Verlust der Legitimation vorzubeugen.
Socialbar "online vernetzen, offline bewegen"
Scholz stellt das Projekt Socialbar vor. Es wurde vor einigen Jahren in Berlin vor dem Hintergrund ins Leben gerufen, dass sich die einzelnen Internetplattformen vernetzen müssen, da sie oft nichts voneinander wissen oder in Konkurrenz miteinander stehen. Die Socialbar ist ein Treffen von Weltverbesserern. Web-Aktivisten, Social Entrepreneurs, NGOs, ehrenamtliche Helfer, Politiker und Unternehmen, die ihre soziale Verantwortung wahrnehmen wollen, kommen bei der Socialbar zusammen, um sich kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und Kooperationen einzugehen.
Die dezentral organisierten Socialbar-Treffen setzen thematisch den Fokus auf die Potentiale des Internets. In kurzen Vorträgen und im persönlichen Austausch mit Internetspezialisten sollen zivilgesellschaftliche Initiativen an die neuen Möglichkeiten der Vernetzung, Koordination und Kommunikation herangeführt werden. Nebenher bleibt aber noch genügend Zeit um sich über Ideen, Jobs und Sponsoring zu unterhalten. In Berlin finden die realen Treffen einmal im Monat statt. Es werden jeweils drei Vorträge gehalten und danach gibt es eine Diskussion. Etwa 60 Personen nehmen kontinuierlich an diesen Treffen teil. In München schwanken die Zahlen stärker.
Das Konzept der Socialbar wurde aufgebaut mit dem Wunsch, dass andere es kopieren und selbst Socialbar-Veranstaltungen in ihren Städten organisieren. Bisher konnte noch nicht erreicht werden, dass die alten Akteure mit den neuen Organisationen zusammenarbeiten. Diesen Zusammenschluss sieht Scholz als sehr wichtig und unbedingt erstrebenswert an.
Das Problem derzeit ist zudem, dass die Partizipationsangebote bisher nur bestimmte Bevölkerungsschichten erreichen. Hier muss nach Möglichkeiten gesucht werden, wie dies geändert werden kann. Andere technische Möglichkeiten werden das Problem nicht lösen können, sondern es muss darum gehen, die Zivilgesellschaft zu stärken und dies wiederum ist auch Aufgabe der Politik. Die Politik sollte nach Ansicht von Scholz daher auch als gutes Vorbild vorangehen und auf lokaler Ebene Netzwerke spinnen, die sich an diesen Grundsätzen orientieren.
Fazit und Statements aus der Diskussion mit dem Publikum
- Alte Organisationsformen sollten sich neuen Organisationsformen wie sie im Internet entstehen öffnen.
- Das Internet sollte genutzt werden, um Wissen zu verbreiten und um bspw. auch parlamentarische Initiativen frühzeitig öffentlich zu machen und zu diskutieren.
- Die Verknüpfung von online und offline Aktivitäten im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements darf in keinem Fall fehlen.
- Projekte wie das Wiki von Bündnis90/ Die Grünen zur Bundestagswahl 2004 müssen weiterentwickelt werden, auch wenn sie nicht sofort erfolgversprechend sind.
- Auch wenn es inzwischen verboten ist, Infos aus sozialen Netzwerken für die Bewerberauswahl heranzuziehen und in Zukunft auch die MitarbeiterInnen der Personalabteilungen nachteilige Infos über sich im Netz finden werden, wird dadurch die Macht zwischen BewerberIn und PersonalchefIn nicht reduziert. Die einzige Möglichkeit dieses Problem zu mildern, wäre es, auch den „Beobachteten“ die Möglichkeit zu verschaffen, den „Beobachter“ zu sehen. Dies würde eine größere Hemmschwelle aufbauen.
- Es ist eine Debatte darüber notwendig, inwieweit das private Agieren in Sozialen Netzwerken zur Privatsphäre der InternetnutzerInnen gehört.
- Gerade kurzfristiges gesellschaftliches Engagement kann durch eine sinnvolle Nutzung sozialer Netzwerke erreicht werden.
- Die Problematik des Datenschutzes in Sozialen Netzwerken und allgemein im Internet darf nicht verharmlost werden. Allein technische Maßnahmen und rechtliche Lösungen reichen nicht aus, um persönliche Daten zu schützen, sondern es muss die Medienkompetenz der InternetnutzerInnen gestärkt werden und eine Diskussion angestoßen werden, um einen gesellschaftliche Konsens zu erreichen, wie mit diesen Daten umzugehen ist.
- Es ist Aufgabe der Politik, Wege zu finden, dass möglichst viele BürgerInnen ihre neuen Partizipationsmöglichkeiten auch nutzen.
