20. Oktober 2009

1. Gespräch am 3.12.2009: Medienkompetenz - Haben die neuen Medien einen Platz in der Bildung?

18.00 Uhr in Raum S 501 des Bayerischen Landtags
(Maximilianeum, 81627 München)

ReferentInnen:

Michaela Binner, Medienfachberaterin für den Bezirk Oberbayern
Paul Held, Institut für Lern-Innovation (FIM Neues Lernen) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Volker Nitsche-Lorenz, Medienpädagogisch-informationstechnischer Berater für die Förderschulen in Schwaben
Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen
Moderation: Ulrike Gote, MdL, medienpolitische Sprecherin

Zu Beginn der Auftaktveranstaltung der grünen Fachgesprächsreihe zum Thema „Medienkompetenz – Haben die neuen Medien einen Platz in der Bildung?“ führte Ulrike Gote, medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, kurz in das Thema Medienpädagogik ein und begrüßte die vier ReferentInnen des Abends.

Ulrike Gote erläuterte, dass die Eingangsvorträge so gegliedert sein würden, dass Herr Volker Nitsche-Lorenz und Frau Michaela Binner zu Beginn die medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im schulischen und außerschulischen Bereich darstellen würden. Herr Paul Held werde daraufhin erprobte Ansätze der Vermittlung von Medienpädagogik bei SeniorInnen präsentieren und Frau Dr. Sabine Schiffer in ihrem Vortrag die bestehenden Medienerziehungskonzepte kritisch beleuchten. Die Eingangsvorträge dienten als Anstoß für das anschließende Gespräch mit dem Publikum.

Medienpädagogik in der Schule

Volker Nitsche-Lorenz ist einer der medienpädagogisch-informationstechnischen Berater - kurz MiB, die es seit ihrer Einführung 2002 für alle Schularten und über ganz Bayern verteilt gibt. Doch wie er in seinem Vortrag deutlich macht, gibt es viel zu wenige LehrerInnen, die als MiBs die Schulen in Bayern betreuen. Nitsche-Lorenz ist alleine für 52 Sonderschulen in Schwaben zuständig. Auf MiBs wird seiner Ansicht nach leider fast immer nur dann zurückgegriffen, wenn etwas so schreckliches wie ein Amoklauf in einer Schule passiert, obwohl es sehr wichtig wäre, dass Schule und Medienerziehung zu jedem Zeitpunkt gleichzeitig stattfinden.

Zur Verdeutlichung, was unter Medienerziehung zu verstehen ist, erläutert Nitsche-Lorenz die wissenschaftliche Definition des Begriffs nach Tulodziecki. Der Medienerziehung sind nach Tulodziecki fünf Aufgabenbereiche zugrunde gelegt und nur wenn diese im Unterricht auch behandelt werden, kann nach Meinung von Nitsche-Lorenz davon gesprochen werden, dass die Medienkompetenz der SchülerInnen gefördert wird. Tulodziecki nennt folgende Aufgabenbereiche der Medienerziehung: Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten, Medien selbst gestalten und verbreiten, Medienangebote auswählen und nutzen, Medienbotschaften verstehen und bewerten und darauf aufbauend die Medienanalyse. Die bisherigen Maßnahmen zur Entwicklung der Medienerziehung decken diese Punkte noch lange nicht ab.

So sind Ende der 90er-Jahre zwar die Schulungen Intel 1 und 2 für LehrerInnen auf den Weg gebracht worden und es gab eine High-Tech-Offensive, bei der festgelegt wurde, dass Schulen bezuschusst werden, wenn in jedem Klassenzimmer ein multimediafähiges Gerät steht, doch die Medienkompetenz der SchülerInnen hat dies nicht verbessert. So kritisiert Nitsche-Lorenz, dass Intel 2 wenig angenommen worden sei und die LehrerInnen ihre erworbenen Kenntnisse kaum im Unterricht weitervermittelt, sondern nur für sich selbst genutzt hätten. Ergebnis der High-Tech-Offensive war zwar, dass Multimediageräte angeschafft worden sind, jedoch wurden sie teilweise nicht einmal ausgepackt, da die Lehrkräfte nicht wussten, wie sie sie einsetzen sollten.

Die MiBs bieten medienpädagogische Fortbildungen für LehrerInnen an. Doch diese Angebote werden meist nur von jenen Lehrkräften angenommen, die ohnehin schon vom Thema Medien begeistert sind. So ist für Nitsche-Lorenz die logische Konsequenz der bisherigen Anstrengungen, eine bessere Medienerziehung zu gewährleisten, dass die Medienkompetenz der LehrerInnen einen Niederschlag in ihrer Beurteilung findet. Zudem muss es möglich sein, die Medien, die SchülerInnen in ihrer Freizeit nutzen, auch im Unterricht zur Verfügung zu haben, um damit mit den SchülerInnen arbeiten zu können. Und selbstverständlich muss in diesem Zusammenhang auch gewährleistet sein, dass die mediale Ausstattung gewartet wird und sich auf einem angemessen Stand der Technik befindet. Dazu gehören auch Systembetreuer, die Stunden für die Betreuung der Anlagen in den Schulen anrechnen dürfen.

Nitsche-Lorenz vertritt die Meinung, dass die Medienerziehung dann beginnen muss, wenn die SchülerInnen anfangen die jeweiligen Medien zu nutzen. Die „nachträgliche“ Vermittlung von Medienkompetenz in den weiterführenden Schulen ist zu spät. Gote stimmt dieser Feststellung vollkommen zu. Ihrer Ansicht nach ist es selbstverständlich wichtig, das Ausschalten von Anfang an mitzulernen, doch die Medienerziehung muss sich auch der Realität anpassen und kann nicht nur davon ausgehen, wann es für die SchülerInnen theoretisch die beste Zeit wäre, den Umgang mit gewissen Medien zu beginnen.

Ulrike Gote merkt zudem an, dass auch das wichtige Thema „Social Web“ im Unterricht nicht regelmäßig behandelt wird. Avalon e.V. Bayreuth veranstaltet daher beispielsweise regelmäßig Schulprojekte, um die Kompetenzen der SchülerInnen im Umgang mit den sozialen Netzwerken im Internet zu schulen. Doch die Elternansprache „Schule – Eltern“ funktioniert in diesen Fällen oft überhaupt nicht, da die Materialien, die durch die Schulen an die Eltern versendet werden, in einem Bürokratendeutsch formuliert sind, das niemand versteht und das abschreckend wirkt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass der jetzt einzuführende Medienführerschein wieder auf freiwilliger Basis funktionieren soll und auch sämtliche Fortbildungen freiwillig sind, obgleich es hier um ein so wichtiges Thema geht und die Defizite hinreichend bekannt sind.

Medienpädagogik in der Freizeit der Kinder und Jugendlichen

Die Jugendarbeit im Bereich Medien wird unter anderem von folgenden Institutionen getragen: der Medienfachberatung, den Medienzentren, dem JFF, den Jugendbildungsstätten und den Medien- und Kulturcafés für Jugendliche. Michaela Binner ist Medienfachberaterin. Sie betreut den Bezirk Oberbayern. MedienfachberaterInnen gibt es bereits seit 50 Jahren, jedoch wurde erst 2001, nach jahrzehntelangen Bemühungen, erreicht, dass die Bezirke die MedienfachberaterInnen hauptberuflich engagierten. Schwaben ist heute der einzige Bezirk, der noch keine feste bezahlte Stelle für eine/n MedienfachberaterIn hat. Die Oberpfalz ist mit 1,5 Stellen am besten ausgestattet. Die Bezirke sind selbst für die Finanzierung dieser Stellen verantwortlich.

Zielgruppe der MedienfachberaterInnen sind Kinder und Jugendliche sowie MultiplikatorInnen. Binner merkt an, dass die Multiplikatorenarbeit, d.h. die Organisation von Fortbildungen und die Beratung, eine sehr große Rolle bei ihrer Arbeit spielt. Denn aufgrund der kleinen Zahl der MedienfachberaterInnen ist der Aufbau guter Strukturen durch diese Maßnahmen die einzige Möglichkeit, in diesem Bereich wirklich etwas zu bewegen. Medienarbeit außerhalb der Schule unterscheidet sich sehr stark von der Medienerziehung an der Schule erläutert Binner, auch wenn immer mehr außerschulische Medienarbeit aufgrund des Trends zur Ganztagsschule inzwischen in den Schulen stattfindet. Der Hauptunterschied ist die Freiwilligkeit. Grundlage der außerschulischen Medienarbeit ist aktive Medienarbeit. Kindern und Jugendlichen soll ermöglicht werden, Medien selbst zu erstellen. Dabei ist das Medium nie Mittel an sich, sondern wird themenbezogen und aktiv eingesetzt.

Beispiel dafür ist der Oberbayerische Kinderfotopreis. Hier wird ein Thema ausgeschrieben, das dann von den Kindern bearbeitet wird und im Rahmen einer Preisverleihung werden die entstandenen Werke ausgestellt. So lernen die Kinder mit der Technik umzugehen, erfahren wie ein Thema umgesetzt und Bildern eine Aussage gegeben werden kann. Die Preisverleihung zieht die Aufmerksamkeit auf die Arbeiten der Kinder und verhilft zugleich auch der medienpädagogischen Arbeit zu einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit. Neben Fotografie wird auch im Bereich Video mit den Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Die Audio- und Radioarbeit wird derzeit sehr stark ausgebaut und auch das Handy wird zur Medienarbeit herangezogen. Den Kindern und Jugendlichen wird vermittelt, dass es das Recht am Bild und Urheberrechte für Musik gibt und sie werden in Hinblick auf die Handynutzung auch über Kostenfallen informiert.

Es gibt zudem auch ein Mediencamp, bei dem Kinder einen eigenen Blog erstellen und dabei erarbeiten, was man in solch einem Blog alles machen kann, was man machen darf und was gefährlich ist. Binner bedauert jedoch, dass mit dem vorhandenen Personal längst nicht für alle Kinder und Jugendlichen Projekte angeboten werden können. Es ist eigentlich nicht machbar, den gesamten Bezirk alleine zu betreuen. Doch trotz dessen bemüht sie sich stets auch um die Ergebnissicherung, um zu erfahren, was nach den Projekten tatsächlich bei den Kindern und Jugendlichen angekommen ist.

Für die Zukunft wünscht Binner sich jedoch zum einen einen guten Personalschlüssel für die Medienfachberatungen, zum anderen die Verankerung der Medienpädagogik bereits in der Ausbildung und nicht zuletzt eine ausreichende finanzielle Ausstattung. Denn die Medienlandschaft ändert sich Binners Erfahrung nach sich so schnell, dass ohne diese Dinge keine vernünftige Medienerziehung stattfinden kann.

FG Medien 1

Medienpädagogik für Seniorinnen und Senioren

Paul Held ist Senior Researcher am Institut für Lern-Innovation (FIM NeuesLernen) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Dieses Institut beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit E-learning für die unterschiedlichsten Zielgruppen, unter anderem mit E-learning für Ältere.

Doch wurde am Institut für Lern-Innovation auch im Bereich „Lehrerqualifizierung über das Netz“ gearbeitet und erforscht, wie möglichst schnell möglichst viele LehrerInnen in der didaktisch sinnvollen Nutzung neuer Technologien geschult werden können. Zum Bedauern Helds wurde dieses Vorhaben aufgegeben, da weder das Ministerium noch die Lehrerfortbildungseinrichtung in Dillingen genügend Innovationskraft zeigten. Gerade hinsichtlich der Zahl der SeniorInnen ist es leicht nachzuvollziehen, dass diese Gruppe nicht durch fehlende Medienkompetenz von der Nutzung der neuen Medien ausgeschlossen werden darf. Die bayerischen Seniorennetze werden seit 1997 aufgebaut. Das zugrundeliegende Konzept sieht vor, dass Ältere von Älteren in die Nutzung neuer Technologien und Medien eingeführt werden.

Begonnen wurde mit dem SeniorenNetz Erlangen (SNE). Es gab damals eine Ausschreibung des BMFT über zehn Preisgelder von 50.000 DM. Thema der Ausschreibung war „Ältere und neue Medien“. Das Erlanger SNE-Projekt war dabei das einzige bayerische Projekt, das mit dem ausgeschriebenen Preisgeld bedacht wurde. Hintergrund des Projekts war laut Held, dass das Altersbild sich wandelt. Die Idee der Defizitorientierung ist seiner Ansicht nach veraltet, jetzt stehen Selbstverantwortung, Teilhabe und Expansion nach dem Arbeitsleben im Vordergrund.

Die Frage, die sich laut Held stellt, ist, welche Rolle die neuen Technologien dabei spielen können und welche Rolle den SeniorInnen im Rahmen dieser Entwicklung zukommt - werden sie Opfer oder Beherrscher der neuen Technologien sein. Ziel des Projekts war es, den SeniorInnen zu ermöglichen, sich die notwendige Medienkompetenz für den Umgang mit den Neuen Medien anzueignen. Für die Vermittlung dieser Medienkompetenz sollte die Kompetenz anderer SeniorInnen genutzt werden. Dafür wurde eine seniorenspezifische Didaktik entwickelt. Um das Projekt realisieren zu können, arbeitete das Institut mit mehren Kooperationspartnern zusammen.

Das Institut für Lern-Innovation - auf das Thema „Lernen mit neuen Medien“ spezialisiert - kooperierte mit dem Roten Kreuz, um das notwendige „Fachwissen über SeniorInnen“ in die Entwicklung des Projekts mit einfließen lassen zu können. Um für eine möglichst weite Verbreitung zu sorgen, wurde auf die vorhandenen Strukturen der Kirchen, Vereine etc. zurückgegriffen. Es war zudem von Vorteil, dass das Projekt in der „Siemens-Stadt“ Erlangen durchgeführt wurde, in der viele technikaffine SeniorInnen leben. Held führt aus, dass diese die Durchführung des Projekts in Selbstverantwortung übernahmen. Ein sehr wichtiger Punkt, da im Projektantrag fixiert war, dass das Projekt den Anspruch hätte, innerhalb kurzer Zeit selbsttragend zu sein. Dies gelang auch bereits nach zwei Jahren. Neben einem umfassenden Kursangebot gibt es nun verschiedene Gruppen, in welchen sich SeniorInnen mit unterschiedlichen Interessen (digitale Fotografie, Musik, Börse) organisieren.

Held schätzt es sehr, dass dadurch ein erster Schritt zur Überwindung der digitalen Spaltung zwischen Alt und Jung gemacht wurde. Doch er bedauert, dass auf diesem Weg die große Anzahl älterer Menschen, die fern von Ballungsräumen wohnen, die Mobilitätsprobleme haben oder Angehörige pflegen nicht erreicht werden konnten. Speziell in einem Flächenland wie Bayern stellt dies ein großes Problem dar. Held wünscht sich, dass jede/r Ältere eine Chance bekommt, neue Medien adäquat zu nutzen und sich auch mittels neuer Medien zu bilden (E-Learning). Lernen ist seiner Ansicht nach ein andauerndes Recht, eine andauernde Verpflichtung und eine lebenslange Notwendigkeit. In der Lebenssituation der Älteren ist es meist leichter, wenn die Lernmöglichkeiten zu den Menschen kommen, statt dass diese sich in die jeweiligen Institutionen begeben müssen.

Doch Held sieht auch allgemein die Tendenz, dass sich das Lernen von den Institutionen löst. Beim Lernen im Netz können individuelle Voraussetzungen berücksichtigt werden, das Lerntempo kann angepasst werden, Wiederholungen sind jederzeit - angepasst an den Lernfortschritt - möglich und im Netz gibt es keine Konkurrenzsituation gegenüber den Mitlernenden. Zudem ist die Betreuung besser und individueller möglich als bei Präsenzunterricht. In EU-Projekten sind mit dieser Methode bei älteren Menschen zwischen 65 und 85 Jahren erstaunlich positive Ergebnisse erzielt worden.

Herr Held beschreibt den Ablauf der netzgestützten Kurse bei SeniorInnen: Die SeniorInnen werden am ersten Tag in einem Live-Kurs in die elementaren Handhabungen eingeführt. Danach sind sie in der Lage, über das Netz zu lernen. Die TeilnehmerInnen bekommen einen konfigurierten Rechner mit nach Hause, der aus der Ferne gewartet werden kann und zudem eine/n AnsprechparterIn aus ihrer Region. Je nach Bedarf werden weitere Treffen angeboten, die jedoch nicht Lern- sondern Motivationszwecken dienen. Die regionalen Seniorennetze legen einen Mitgliedsbeitrag fest. Dieser beträgt in Erlangen 49 Euro für Beratung, Hausbesuche, verbilligte Schulungen etc...

Im Rahmen des E-Learning-Projekts werden derzeit kostenlos Rechner verliehen und Kurse angeboten. Aber in Zukunft ist dies nicht mehr möglich, dann wird ein Preisniveau für die Kurse angestrebt, das ungefähr dem der VHS-Angebote entspricht. Es wird ein einheitliches Modell an Rechnern verliehen, um die Wartung der Geräte und die Schulung zu vereinfachen. Nach den Beobachtungen Helds fühlen sich die vernetzt lernenden SeniorInnen als virtuelle Gruppe im Netz, sie fühlen sich verbunden und sind von den neuen Möglichkeiten des Lernens begeistert. Held merkt an, dass auch in diesem Modell Medienkompetenz durch Handeln vermittelt werden soll und nicht lediglich indem darüber informiert wird - genauso wie es für den Bereich der Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen gilt. Held äußert zum Ende seines Vortrags als Wunsch für die Zukunft, dass die Idee des nachberuflichen Lernens im Netz weiter Raum greife. Er stehe auch bereits in Verhandlungen mit dem Sozialministerium, um in Bayern ein netzgestütztes Weiterbildungsangebot für SeniorInnen zu realisieren.

Medienlobby kontra Medienbildung

Dr. Sabine Schiffer leitet das Institut für Medienverantwortung in Erlangen. Sie arbeitet bereits seit 1993 als Medienpädagogin. Das Problem im Umgang mit dem Thema neue Medien ist ihres Erachtens, dass immer nur auf die technischen Schwierigkeiten eingegangen wird. Im Bereich der Medienerziehung werden wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mit einbezogen und die Wahrnehmungsentwicklung nicht berücksichtigt. Zudem sind es Firmen, die die Medienerziehung bedeutend prägen, ohne dass dies der breiten Öffentlichkeit bewusst ist. So hat beispielsweise sogar ein Mitarbeiter des Forschungsministeriums nicht gewusst, dass „Schulen ans Netz“ von Microsoft ist.

Dr. Schiffer erläutert, dass nach Piaget ein Kind bestimmte Entwicklungsstufen durchläuft, das Hirn reift und die Synapsen bilden sich mit der Zeit aus. Die Phasen des Lernens sind zwar durch entsprechende Anreize verkürzbar, jedoch ist die Reihenfolge nicht vertauschbar. Es stellt ihrer Ansicht nach also durchaus ein großes Dilemma dar, wenn Kinder mit Erfahrungen umgehen müssen, die sie noch gar nicht verarbeiten können. Dies ist unter anderem der Fall bei verfrühter Mediennutzung. Und wenn diese Dinge auch noch als Notwendigkeit in der Entwicklung des Kindes dargestellt werden, dann sinken die Bildungskurven noch stärker ab. Dr. Schiffer beobachtet, dass die Medien, die als erstes genutzt werden können kaum noch in der Erziehung herangezogen werden. Es wird beispielsweise nur noch sehr wenig vorgelesen und richtige Bilderbücher kommen kaum noch zum Zug. Es soll dabei bedacht werden, dass durch den frühzeitigen Einsatz fertiger Bilderbuchleporellos die Fantasie der Kinder beschränkt wird und dass eigene Anstrengung, Vorstellungskraft etc. reduziert werden.

Daher richtet sich der Anspruch Dr. Schiffers, die Medienerziehung so früh wie möglich zu beginnen, nicht an die Kinder, sondern an die Eltern und Großeltern. Vorschulkinder können beispielsweise die Schnittfolgen im Fernsehen aufgrund der Entwicklung ihres Gehirns noch nicht richtig wahrnehmen. Der Fernsehkonsum in diesem Alter hat daher durchaus negative Auswirkungen, wenn die Kinder es daraufhin gewohnt sind, dass sie Dinge sehen, die sie nicht verstehen. Kindergärten und Eltern haben nach Meinung Dr. Schiffers hier die Aufgabe dies so zu begleiten, dass der Fernsehkonsum nicht auch noch gefördert wird.

Dr. Schiffer fordert, dass das Kultusministerium einen sinnvollen, systematischen Lehrplan zur Medienbildung, die in alle Fächer integriert wird, umsetzt. Dieser Lehrplan muss selbstverständlich auch evaluiert werden. Doch die Forderungen nach einem solchen Lehrplan sind bisher vom Ministerium mit der Aussage, dass dies der Autonomie der Schule überlassen werde, abgelehnt worden. Es gibt laut Dr. Schiffer bereits jetzt Langzeituntersuchungen, vor allem aus den USA, die nachweisen, dass die Flut der Medienangebote Kinder nervöser macht. Sie erlangen durch die Medienangebote andererseits aber auch keine Vorteile aufgrund des reduzierten Wahrnehmungsangebots im Zweidimensionalen und Visuellen und leiden zudem unter Bewegungsmangel. Bildschirmmedien sollen eigentlich erst ab 10 Jahren genutzt werden, dies ist jedoch heute leider nicht mehr realistisch. Wiederholungen sind jedoch eine gute Sache, was die Entwicklung der Kinder betrifft und die Kinder verlangen auch selbst nach diesen Wiederholungen.

Nach Meinung von Dr. Schiffer müssen Computerspiele nicht in Schulen eingeführt werden, dies kann zu Hause geschehen und geschieht dort sowieso meist viel zu früh. Dr. Schiffer führt zu diesem Punkt weiter aus, dass ihrer Meinung nach die Bundeszentrale für Politische Bildung Werbung für Computerspiele auf höchstem Niveau veranstaltet. Beispielweise werden die angebotenen Eltern-LAN-Parties von Turtle Entertainment finanziert. Dr. Schiffer plädiert dafür, dass Bildschirmangebote den Kindern so spät wie möglich zugänglich gemacht werden und wenn, dass sie so integriert sein müssen, dass eine sinnvolle Nutzung durch die Kinder gewährleistet ist. Sie bevorzugt beispielsweise auch Skype gegenüber SchülerVZ, bei dem der Holzbrinck-Verlag die Daten der Schüler abgreift.

Dr. Schiffer bemängelt, dass eine wirkliche Diskussion über das Thema Mediennutzung, Medienwirkung und Medienkompetenz nicht geführt wird, da derzeit eine Kritik für nicht zeitgemäß erklärt wird. Die Ergebnisse von unabhängigen Studien sind laut Dr. Schiffer hingegen eindeutig und der Streit um die Medienwirkungsforschung nur mit viel PR inszeniert. Hier geht es ihrer Ansicht nach viel eher um das Thema Medienlobby kontra Medienbildung. Dr. Schiffer merkt an, dass es bereits gute Modelle in der Medienerziehung gibt, doch dass auch diese leider noch nicht evaluiert und systematisch im Lehrplan verankert worden sind. Sie fordert zudem, dass das Material, das für die Medienerziehung herangezogen wird, von unabhängigen Stellen erarbeitet wird und nicht die vermeintlich kostenlosen Angebote der Firmen herangezogen werden.

Fazit und Statements aus der Diskussion mit dem Publikum

- Wenn die Familie es nicht leisten kann, sich um die Medienerziehung der Kinder zu kümmern, dann liegt die Verantwortung dafür, diese Lücke zu schließen, bei der Schule und der Jugendarbeit. Die Medienpädagogik an den Schulen ist auch deshalb so wichtig, weil dort die zukünftigen Eltern ausgebildet werden.

- Bereits in den Lehrplänen festgeschriebene Regelungen zur Medienerziehung müssen umgesetzt und evaluiert werden, statt immer neue Instrumente einzuführen

- Lernmittel im Bereich der Medienerziehung müssen von unabhängigen Stellen erarbeitet werden, es darf nicht das vermeintlich kostenlos von der Wirtschaft bereitgestellte Material eingesetzt werden

- Der Zugang der Kinder zu den Medien muss kontinuierlich begleitet werden und Eltern müssen sich trauen, den Medienkonsum ihrer Kinder einzuschränken.

- Die Medienarbeit an Schulen und Kindergärten hat immer einen Elternaspekt, doch die Eltern zu erreichen ist häufig kaum möglich und auch ErzieherInnen tun sich oft schwer mit Medien zu arbeiten. Gerade die Eltern, auf deren Hilfe man bei der Medienerziehung am meisten angewiesen wäre, erreicht man am schlechtesten, und die Elternabende werden immer von den selben Eltern besucht.

- Viele Elternverbände fragen Veranstaltungen im Bereich Medienerziehung nach und finden keine Ansprechpartner. Auch Schulen haben häufig Probleme AnsprechpartnerInnen zu finden. Im Bereich der Medienerziehung gibt es zu wenige Fachkräfte (MIBs und medienpädagogische FachberaterInnen).

- Allgemein ist die Scheu der Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen, sich mit den neuen Medien zu beschäftigen sehr groß.

- Medienerziehung geht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht schief, wenn sich die Erziehung außerhalb des Medienbereichs allgemein an Grundprinzipien „guter Erziehung“ ausrichtet, also auf Selbststärkung des Kindes, Kritikfähigkeit, Urteilsfähigkeit, die Vermittlung von Werten setzt.

- Gegen eine bildschirmfreie Zeit bis zur Grundschule ist nichts einzuwenden. Hier muss jedoch zwischen den Medien differenziert werden, denn Hörspiele seien für Kinder im Kindergartenalter sehr gut. Der Forderung nach einer insgesamt medienfreien Zeit kann man daher nicht zustimmen. Es muss aber immer klar sein, dass das Medium nur ein Mittel für die Kinder sein soll, mit dem sie zusätzlich ihre Umwelt erfahren können. Genauso darf auch ein Computer nur ein Werkzeug sein und nichts anderes.

- Die Medienerziehung muss sich an den Forschungsergebnissen der Medienwirkungsforschung orientieren.

- Innovative Projekte wie beispielsweise Projekte die SeniorInnen in ganz Bayern (nicht nur in den Ballungsräumen) ein lebenslanges Lernen ermöglichen oder erforschen, wie eine Qualifizierung von LehrerInnen über das Internet aussehen könnte, müssen dringend unterstützt werden.

Ulrike Gote
Parlamentarische Geschäftsführerin, hochschulpolitische, medienpolitische und religionspolitische Sprecherin
Tel: 089/4126-2648
Fax: 089/4126-1648
Email.: kontakt [at] ulrike-gote [dot] de (Ulrike Gote)