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28. Juli 2009

Bayerns Erbe in Gefahr

Zur aktuellen Lage der Archive in Bayern

Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs gingen Urkunden und Manuskripte aus vielen Jahrhunderten unwiederbringlich verloren oder müssen nun mit großem finanziellem und personellem Aufwand restauriert werden. Der Einsturz hat vor Augen geführt, dass es in vielen Fällen schlecht um die Sicherung wertvollen Kulturgutes bestellt ist. Deshalb habe ich mit einer Schriftlichen Anfrage vom Wissenschaftsministerium eine Bestandsaufnahme eingeholt, wie es um die Gefährdung von Archiven und  Bibliotheken in Bayern bestellt ist. Wirklich alarmierend ist, wie das Ministerium in seiner Antwort einräumt, das Ausmaß der Gefährdung durch Säurebefall: Ein Großteil der nach 1840 hergestellten Bücher und Dokumente droht in sich selbst zu zerfallen.

Ich halte dem Ministerium zugute, dass es die dramatische Lage der Archive und Bibliotheken erfreulich offen eingesteht. Aber dass die Staatsregierung in den Folgerungen daraus nicht vergleichbar konsequent ist und entschlossen Gegenmaßnahmen einleitet, ist ein Armutszeugnis für unseren Kulturstaat.

Archive wie Bibliotheken sind mit ihren Aufgaben der Bestandssicherung hoffnungslos überfordert, weil hoffnungslos unterfinanziert. Bereits die erste Stufe einermaschinenlesbaren Bestandsaufnahme sprengt jeden Budget-Rahmen. Bestandserhaltung oder gar Restaurierung bereits geschädigter Archivalien oder geschädigter Bücher sind ebenso wie die heute notwendige Digitalisierung der Bestände außerplanmäßige Herkulesaufgaben, die im bisherigen Haushaltsrahmen nicht zu bewältigen sind. Deshalb muss die Staatsregierung schnellstmöglich erhebliche eigene Zusatzmittel bereitstellen, vor allem aber eine noch intensivere Kooperation mit den anderen Ländern suchen. Denn die Bewahrung unseres schriftlichen Gedächtnisses ist eine Aufgabe, die allen nutzt und nur in gesamtdeutscher bzw. europäischer Verantwortung geschultert werden kann.

 

1.      Schadensbilanz: Verfallsdatum läuft ab

Im Vergleich zur dramatischen Bedrohung durch den Säurefraß sind alle anderen Gefährdungen wie Schädlings- und Schimmelbefall oder Tintenfraß vernachlässigbar. Die Zeitbombe tickt: Schätzungsweise sind "in den staatlichen Archiven Bayerns rund 170 Regalkilometer mit rund 25 Millionen Archivalieneinheiten von Papierzerfall betroffen, davon rund 36 Regalkilometer in stärkerem Maß" – etwa 70 % des Archivguts seit 1840/50.

Zur Sanierung und Datensicherung fehlen nach Auskunft der Staatsregierung erhebliche zusätzliche Haushaltsmittel, insbesondere für Digitalisierung und Schutzverfilmung der vom Papierzerfall betroffenen Bestände, auf deren Originalerhalt aus Kostengründen verzichtet werden muss.

Laut "Gesamtschadenserhebung hinsichtlich des Papierzerfalls durch Säurefraß" sind von 3,4 Millionen Bänden der Staatsbibliothek aus der Zeit von 1840 bis 1970 "45 %, d.h. 1,53 Millionen Bände, stark geschädigt … Nur bei 28 % des Bestandes (937. 000 Bände) sind keine Bestandserhaltungsmaßnahmen erforderlich." Zusammen mit den Beständen aus den Jahren nach 1970 bedeutet das, dass "bei insgesamt circa 3 Millionen Bänden – das heißt bei rund 32 % - bestandserhaltende Maßnahmen erforderlich sind". Für die Universitätsbibliotheken wird ein Schadensumfang von circa. 2,5 Millionen Bänden geschätzt.

Die "Gesamtschadenserhebung der Staatsbibliothek" kommt auf einen Finanzbedarf für die Bestandserhaltung (mindestens ein Exemplar) der von Papierzerfall bedrohten Bestände zwischen 1840 und 1970 von insgesamt 100 Mio. €, wobei die Werke nach 1970 und ev. Unikate aus anderen staatlichen Büchereien nicht einkalkuliert sind. "Die Anzahl der unwiederbringlich verlorenen Bücher ist derzeit nicht quantifizierbar", eben weil man nur einen Bruchteil der Bestände überprüft hat.

 

2.      Viel zu geringe Mittel für Prävention und Bestandsaufnahme

a)      Archive

Erhebliche Mittel fehlen den Archiven bereits für ausreichende Präventivmaßnahmen.

  •           Lagerung:

In den Staatsarchiven selbst sind die Lagerbedingungen weitgehend ausreichend. Probleme machen aber zum einen die fehlenden Platzreserven für die beständig hinzukommenden Behörden- und Gerichtsakten (2008: 3,2 km / 2007: 5 km), so dass Neu- und Erweiterungsbauten nötig werden. Zum anderen aber wird etwa Schimmelbefall "nicht selten bereits durch unsachgemäße Lagerung in den Registraturen in den Behörden und Gerichten verursacht".

  •           Verpackung:

Eine stabile Verpackung kann, das lehrt der Kölner Einsturz, Archivgut auch im Katastrophenfall vor größeren Beschädigungen bewahren. In welchem Umfang hier in Bayern investiert werden muss, lässt die Antwort offen: Wie viele Millionen € kostet es, Millionen von Archivalien – Akten mit säurearmen Stülpdeckelkartons, Amtsbücher mit säurefreien Schachteln, Urkunden mit säurefreien Taschen oder sonstigem Spezialmaterial (u.a. für Fotoabzüge, Fotonegative und -positive, Mikrofilm, audiovisuelle Medien, digitale Speichermedien) – zu verpacken?

  •           Anfertigung von Schutzmedien:

"Schutzmedien", also Schutzfilme wie Mikrofiches und Mikrofilme, Kopien von Sicherungsfilmen (für Filmlesegeräte und Filmscanner), Farbdiapositive und Digitalisate, sollen die Originale vor Benützungsschäden schützen.

Mit der Erfassung des Erhaltungszustands des Archivgutes wurde erst begonnen: "Bei 42,7 Millionen Archivalien mit einem Umfang von 229 laufenden Kilometern (Stand Ende 2008) wird selbst eine kursorische Erfassung Jahre dauern."

Auch mit der Digitalisierung steht man erst am Anfang: sie ist "in den staatlichen Archiven erst in geringem Umfang geschehen".

b)      Bibliotheken

Zwischen 1840 und 1970 entstandene Bücher sind größtenteils vom Papierzerfall bedroht (Säurefraß). Vor 1840 sind das laut Stichproben der Staatsbibliothek nur ca. 4 % der Werke. Um die Kosten gering zu halten, hat sich die Generaldirektion der Staatlichen Bayerischen Bibliotheken das Ziel gesetzt, nicht alle, aber von jedem dieser in bayerischen staatlichen Bibliotheken vorhandenen Werke mindestens ein Exemplar zu erhalten.

Voraussetzung dafür ist ein landesweiter maschinenlesbarer Nachweis der vorhandenen Bestände, die sogenannte Retrokonversion. "Trotz erheblicher Anstrengungen ist dieser noch nicht durchgängig vorhanden". Laut Konzept der Staatsregierung vom 2.7.08 (LT-Beschluss Drs. 15/9963) sind noch knapp 4 Mio. Aufnahmen (von 9,5 Mio.) zu konvertieren. Die Kosten dafür werden auf 7 Mio. € geschätzt.

Maßnahmen zur Originalerhaltung gibt es nur in bescheidenem Umfang und bei der Informationssicherung (Sicherheitsverfilmung oder -digitalisierung) fehlt die konsequente Umsetzung: "Eine systematische Sicherheitsverfilmung findet nicht statt".

 

3.      Datensicherung im Schneckentempo

Digitalisierung ist das Gebot der Wissensgesellschaft. Sie trägt mit zur Sicherung der Daten, wenn schon nicht des Originals, und zu einer für die Allgemeinheit offenen Nutzung bei. Zumindest der bibliografische Nachweis der Bestände muss heutzutage im Internet öffentlich zugänglich sein, stellt die Staatsregierung in ihrem Konzept vom 2.7.08 fest:  "Nicht im Netz auffindbare Bestände werden fast nicht mehr wahrgenommen."

Für die staatlichen Archive wird derzeit ein Digitalisierungskonzept erarbeitet. Mit den bisherigen Mitteln konnten seit 1961 (!) lediglich etwa 5 % des Archivgutes sicherungsverfilmt, schutzverfilmt oder digitalisiert werden.

Die Staatsbibliothek verfügt über "den umfassendsten Bestand digitalisierter Werke unter allen deutschen Bibliotheken", sagt die Staatsregierung. Allerdings sind das nur 42 000 Dokumente. Dazu sollen in den nächsten 4 bis 6 Jahren rund 1 Million digitalisierter Bücher aus der Public-Private-Partnership mit Google kommen.

Nach einer Schätzung des Kompetenznetzwerks für Bibliotheken (KNB) kostet die Digitalisierung allein der drei Millionen Bücher, deren Erfassung urheberrechtlich unbedenklich ist, ca. 180 Millionen €. Handschriften und Autographen sowie andere Sonderbestände der Bibliotheken und Kosten für die technische Infrastruktur sind in dieser Kostenschätzung nicht berücksichtigt. Diese Last kann natürlich nicht ein einzelnes Land schultern.

 

4.      Jetzt handeln!

Während zumindest die Bibliotheken, was die virtuelle Erfassung ihrer Bestände angeht, schon relativ weit sind, stehen Archive und Bibliotheken bei der physischen Bestandsaufnahme, bei der Sicherung der Originale wie der Daten erst am Anfang.

Auf Landes-, Bundes- sowie EU-Ebene und in den betroffenen Kultureinrichtungen ist der große Handlungsbedarf bei der Digitalisierung der Bestände aus Archiven, Bibliotheken und Museen erkannt worden, um das kulturelle Erbe dauerhaft zu sichern und in der Breite zugänglich zu machen. Sowohl auf EU- als auch auf Bundesebene laufen bereits zahlreiche Projekte und Expertengremien wurden gebildet. Es existiert kein Erkenntnisdefizit, aber ein Handlungsdefizit: Die Umsetzung großflächiger Digitalisierungsmaßnahmen steht noch aus.

Eine Landtagsanhörung zur Situation der wissenschaftlichen Bibliotheken im Februar 2007 hat ebenso wie die Debatte im Hochschulausschuss im November 2007 die dramatische Lage erkennen lassen. Auch im Konzept der Staatsregierung vom 2.7.2008 wurde ein erheblicher Bedarf an außerordentlichen Mitteln und Maßnahmen eingeräumt. Trotzdem sind die Etatposten zur Bestandserhaltung 2009 gekürzt worden (S.11), für den Aufbau eines digitalen Archivs gibt es bisher nur leere Haushaltstitel (S. 24), für die StaBi 2009 einmalig 200 000 €.

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen von mehreren Hundert Millionen für Original- und Datensicherung "kann die Erhaltung der in den Archiven und Bibliotheken verwahrten schriftlichen Überlieferung in Anbetracht der großen Mengen nicht mehr allein von den jeweiligen Einrichtungen und Länderhaushalten sichergestellt werden" (Konzept der Staatsregierung).

Wie die Staatsregierung fordern wir Grünen "ein koordiniertes nationales Vorgehen", auch mit EU- und Bundesmitteln. Schließlich erfolgt die Nutzung der gespeicherten Daten etwa über die geplante Deutsche Digitale Bibliothek DDB und die Europäische Digitale Bibliothek Europeana – anders als im vordigitalen Zeitalter – ebenfalls national bzw. weltweit.

Deshalb muss die Staatsregierung wesentlich stärker als bisher auf Bundes- wie europäischer Ebene auf gemeinsame Umsetzung wie gemeinsame Finanzierung der Digitalisierung drängen. Aber das entbindet die Staatsregierung nicht, ihre eigenen Anstrengungen für die Sicherung der in bayerischen Archiven und Bibliotheken befindlichen Originale deutlich auszuweiten. Anknüpfend an das bereits vorliegende Konzept für die Bibliotheken fordern wir einen auch die Archive umfassenden Mehrstufenplan für entsprechende Maßnahmen und ihre Finanzierung.

Dr. Sepp Dürr, MdL

kulturpolitischer Sprecher

Zusätzliche Information

Dr. Sepp Dürr, MdL