Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:
Der erneute Zwischenfall am Atomkraftwerk Krümmel hat gezeigt, wie anfällig gerade die alten Atomanlagen in Deutschland für technisches Versagen sind.
Auch in Bayern steht mit Isar 1 ein Reaktor, der aus derselben Baulinie stammt wie der Skandalmeiler in Krümmel: Das niederbayerische AKW ist der zweitälteste noch in Betrieb befindliche Siedewasserreaktor Deutschlands und geriet seit seiner Inbetriebnahme 1977 immer wieder wegen technischer Probleme in die Schlagzeilen.
Die grüne Landtagsfraktion hat in einem eigenen Gutachten untersuchen lassen, mit welchen Sicherheitsproblemen ältere Atomkraftwerke wie Isar 1 konfrontiert sind. Überprüft wurden insbesondere die Auslegung des Reaktorgebäudes, Alterungseffekte und das Vorkommen von Rissen, die in Isar 1 mehrfach aufgrund von Korrosion aufgetreten sind. Darüber hinaus haben die Gutachter mehrere Störfallszenarien analog zu den Vorkommnissen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel und den Schutz von Isar 1 gegen Terroranschläge untersucht.
Als wir im Frühjahr dieses Gutachten in Auftrag gegeben haben, rechneten wir nicht damit, dass es jetzt im Sommer– ausgelöst durch den neuerlichen Zwischenfall in Krümmel und monatlich neue Entdeckungen aus dem Atommülllager Asse – eine derartig heftige Debatte um die Laufzeitverlängerung bzw. um die sofortige Stilllegung der acht ältesten AKW's in Deutschland geben würde.
Allerdings war uns schon vor den Ereignissen in Krümmel und Asse klar, dass der AKW-Betreiber E.on nichts unversucht lassen würde, den Atomkompromiss zu unterlaufen, um Isar 1 nicht wie gesetzlich vorgesehen im Jahr 2011 vom Netz nehmen zu müssen.
Darauf lassen folgende Indizien schließen:
Vor diesem Hintergrund erschien es der grünen Landtagsfraktion dringend geboten, die enormen Sicherheitsrisiken, die eine längere Laufzeit von älteren Atommeilern mit sich bringen würde, wissenschaftlich aufzubereiten.
Isar 1 muss frühzeitig vom Netz
Die massiven Sicherheitsmängel, die das Gutachten aufgezeigt hat, lassen aus Sicht der grünen Landtagsfraktion nur einen Schluss zu: Isar 1 muss vorzeitig stillgelegt werden. Damit befinden wir uns im Gegensatz zu Staatsregierung und Atomwirtschaft durchaus auf dem Boden des Atomkonsenses. Das Gesetz sieht vor, dass alte Anlagen vorzeitig vom Netz genommen und die Reststrommengen auf modernere AKWs übertragen werden können. Die grüne Landtagsfraktion erhebt die Forderung nach einer vorzeitigen Stilllegung von Isar 1 bereits seit etwa 5 Jahren. Exakt, seit bekannt geworden ist, dass der Schutz vor terroristischen Angriffen bei dieser Anlage im Vergleich zu anderen AKWs extrem schlecht ist. Unser Kriterium ist nicht die Gewinnsteigerung der Konzerne, sondern die Risikovorsorge.
Drei Punkte im vorgelegten Gutachten machen deutlich, wie dringend es ist, die massiven Sicherheitsbedenken gegenüber Isar 1 endlich ernst zu nehmen:
1. Die Problematik um die so genannte Flugzeugabsturzsicherheit
Die Staatsregierung hat in jeder Landtagsdebatte jegliche konkrete Angabe vermieden und sich in Floskeln wie "solider Grundschutz" oder "robuste Basissicherheit" geflüchtet. Nach dem, was das grüne Gutachten zu Tage gefördert hat, sind diese Begriffe blanker Hohn. Wie die Studie belegt, ist selbst der Absturz eines Starfighters bereits ein gravierendes Problem für das Atomkraftwerk. Denn das AKW ist nur dann gegen den Starfighter geschützt, wenn dieser an einer bestimmten Stelle mit einem bestimmten Winkel auftrifft. Faktisch heißt das, das AKW Isar 1 ist jeder modernen Militärmaschine und den großen Passagiermaschinen hilflos ausgeliefert. Dies umso mehr, als die lächerlichen Schutzversuche wie die vor fünf Jahren vom damaligen Umweltminister Schnappauf vorgeschlagene Vernebelung und GPS-Störung vollständig gescheitert sind.
2. Die Werkstoffprobleme hinsichtlich der Risse
Anfang der 90-er Jahre wurde das Thema aktuell und es wurde gerätselt, ob diese Risse herstellungsbedingt sind (und damit durch einen Austausch der Bauteile behoben werden können) oder betriebsbedingt (und damit eine umfassende Kontrolle bzw. einen regelmäßigen Austausch erfordern). Dass diese Frage letztlich immer noch nicht geklärt ist und dass mit der so genannten "Transkristallinen Spannungsrisskorrosion" sogar ein neues Problem aufgetaucht ist, ist bislang kaum beachtet worden. Die Staatsregierung wird sich der Frage stellen müssen, warum man solche Risse im quasi baugleichen Reaktor Brunsbüttel findet, es aber in Isar 1 angeblich kein Problem damit geben soll.
3. Auslegungsschwächen in der Grundkonstruktion
Um einen möglichst kostengünstigen Reaktor zu bauen, hat man in den Planungen der 60-er Jahre Auslegungsschwächen festgeklopft, die einfach irreparabel sind: der relativ kleine Sicherheitsbehälter, der dünne Stahlboden, die Lage des Brennelementbeckens direkt unter dem Dach, der Kühlkreislauf außerhalb des Sicherheitsbehälters – all dies sind Mängel, die nicht zu beheben sind. Daher halten wir die Äußerungen des Kraftwerksbetreibers E.on, wonach man in den letzten Jahren hunderte Millionen Euro in Isar 1 investiert hat, für irreführend. An den Grundproblemen der Fehlkonstruktion lässt sich damit nichts ändern.
Wenn das AKW planmäßig weiterlaufen würde, müssten wir noch bis zum Sommer 2011 mit diesen Sicherheitsrisiken leben. Dies wollen wir nicht und wir setzen uns dafür ein, dass der Reaktor schnellstmöglich stillgelegt wird.
Angesichts der faktischen Überschüsse in der bayerischen Stromproduktion ist es kein Problem, auf die Strommengen von Isar 1 zu verzichten. Dank des ansehnlichen Zuwachses bei den erneuerbaren Energien können immer öfter konventionelle Kraftwerke in ihrer Leistung gedrosselt werden. Trotzdem erreichten wir im vergangenen Jahr einen neuen Rekord beim Stromexport. Der Stromexportsaldo betrug mit 22,5 Terrawattstunden (TWh)die dreifache Menge der Stromproduktion von Isar 1. Dazu kommt, dass E.on mit den in Bau befindlichen Gaskraftwerken in Irsching mit 500 bzw. 800 MW Leistung neue Kraftwerksleistung in Betrieb nimmt (Isar 1: 912 MW). Mit einer Abschaltung von Isar 1 würde also weder die Stromversorgung auch nur ansatzweise gefährdet, noch müssten wir den Stromimport aus dem Ausland erhöhen.